Georgien also. Nachdem ich meiner Familie im Frühjahr eröffnet hatte, dass ich nach dem Abitur ein Jahr in dem Kaukasus Land verbringen werde, ging es für mich Mitte September auch schon Richtung Tbilisi.
Meinen großen Reiserucksack voller Erwartungen, Neugier und auch ein klein wenig Ungewissheit vor dem bevorstehenden Abschnitt, stieg ich in Tbilisi aus dem Flugzeug, denn immerhin zieht man nicht jeden Tag von einer thüringischen Kleinstadt in eine Kaukasus Metropole um dort in einer NGO mit Jugendlichen vor Ort zu arbeiten. Endlich angekommen, wurde die Unsicherheit von Staunen abgelöst und zwei Monate voller neuer Eindrücke, Erfahrungen und Begegnungen liegen nun bereits hinter mir.
Dass die Zeit hier wie im Flug vergeht, liegt nicht zuletzt an den Freiwilligen, mit denen ich hier arbeite und lebe. Untergebracht bin ich nämlich in einer zentral gelegenen Wohnung mit vier anderen Freiwilligen, wobei drei davon ebenfalls aus Deutschland kommen. In meiner WG habe ich mich von Tag eins an zu Hause gefühlt und gleichzeitig in meinen Mitbewohnern auch echte Freunde gefunden, mit denen ich entdecken, feiern, reden und die kleinen Schwierigkeiten des Alltags bewältigen kann. Unsere NGO DRONI, beherbergt allerdings auch Freiwillige aus anderen europäischen Ländern, wie Italien und Frankreich, sodass wir sowohl zuhause als auch auf Arbeit stets ein multikulturelles und multilinguales Umfeld vorfinden.
Doch vorerst zurück zu meinen ersten Eindrücken aus Tbilisi, welche nicht lange auf sich warten ließen, denn zu unübersehbar ist die Schönheit der georgischen Hauptstadt mit ihren vielen verwinkelten Gassen, die sich mit brutalistischen Bauten und orientalischen Verzierungen abwechseln, um so gemeinsam das einzigartige Bild dieser vielseitig geprägten Stadt zu formen. Ebenso vielfältig wie das Äußere der Hauptstadt, lässt sich auch das Leben vor Ort porträtieren. So kommt es nicht selten vor, dass wir am Wochenende ganze Nächte in den Techno Clubs verbringen, welche einen wichtigen Teil der Feierkultur vieler junger Menschen darstellen. Genauso oft wird man allerdings von der historischen Altstadt auf Erkundungstour nach kleinen und überall auffindbaren Kirchen, Granatapfelsaft-Ständchen, nieschigen Buchlädchen oder auf Bazaars gelockt, um eine ganz andere und ebenso bedeutende Facette Tbilisis kennenzulernen.
Lebendig wird dieses bunte Bild natürlich erst durch die Menschen dieses Landes, welche uns oft mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit begegnen, wobei in kurzen Interaktionen, wie beispielsweise in den lokalen Supermärkten, eine gewisse Anfangs Skepsis verbleibt, die sich jedoch meist legt, versucht man ein gebrochenes “gamarjoba”, was soviel wie “Guten Tag” bedeutet. Außerdem bezeichnend ist die Gelassenheit der Georgier, die sich bis tief in das Pünktlichkeitsverständnis zieht und dem Leben hier beinahe ein anderes Tempo vorgibt, denn die “georgische” Zeit bezeichnet in Bezug auf ein vereinbartes Treffen eher eine vage Empfehlung als einen genauen Termin.
Ebenfalls gewöhnungsbedürftig war für mich persönlich der Straßenverkehr, der vor allem durch seine Flexibilität begeistert. Feste Buszeiten kann man kaum erwarten, Ampeln sind auch nur schöne Lichter und fünf bis sieben Spurige Strassen sind (je nach Ermessen der Verkehrsteilnehmer) mitten im Stadtzentrum vollkommen üblich. Doch selbst dieses Chaos ergibt bei genauer Beobachtung nach und nach Sinn und zunehmend laufe ich immer weniger Gefahr, auf den zufällig in der Stadt verteilten Fusswegen von Mopeds überfahren zu werden.
Doch genug vom kleinen Chaos des Stadtlebens, denn ich möchte nun auch ein Wort über die politische Lage verlieren, da diese ebenfalls Lebensrealität formt; im Allgemeinen bleibt auch hier das Motiv der Doppeldeutigkeit erhalten, denn mir fiel auf, wie ich bald nach meiner Ankunft anfing, in zwei Realitäten zu leben. Zum einen ist da das alltägliche zur Arbeit gehen und Freude am Leben als Freiwillige haben, zum anderen die spürbare Anspannung großer Teile der Bevölkerung in Bezug auf die politische Wetterlage, die anhaltenden Proteste, die vermehrten Inhaftierungen von Aktivisten und die zunehmend stärkeren Repression der Regierung. Und auch in meiner Arbeit gilt es Vorsicht walten zu lassen, dazu gehört, nicht öffentlich über den politischen Teil unserer Arbeit auf sozialen Medien zu posten, zum Beispiel. Doch dies sei alles gesagt aus der privilegierten Position einer passiven Beobachterin.
Den politischen Gegebenheiten zu trotz, beeindruckt die Vielfalt dieses Landes, denn des Weiteren wäre da zum Beispiel die überall präsente und komplexe Verflechtung zwischen europäischer und asiatischer Kultur, Architektur und Lebensrealität, die mich immer wieder aufs neue fasziniert und auch durch Ausflüge in andere Regionen Georgiens deutlich wird. Obwohl ich die meiste Zeit hier in Tbilisi verbringe, habe ich doch schon zwei kleine Reisen in andere Gebiete Georgiens unternehmen können.
So war ich für mein On-Arrival-Training, eine Vorbereitungs-und Willkommensveranstaltung für alle ESC Freiwilligen, in Kobuleti, einem kleinen Ort direkt am Schwarzen Meer. Dort habe ich mich nicht nur mit anderen jungen Menschen, die ihren Freiwilligendienst überall in der Kaukasus Region durchführen, vernetzen und austauschen können, sondern auch die beinahe tropische Natur Georgiens am Schwarzen Meer kennengelernt.
Die zweite Reise war meine erste Wanderung im großen Kaukasus, die ich zusammen mit einigen anderen Freiwilligen durchführte. Mich beeindruckte die atemberaubende Berglandschaft, das ländliche Leben und vor allem die Zuneigung der Strassenhunde, die uns bis zum 2300m hohen Gipfel unserer Wanderung begleiteten.
Nach diesem kurzen Einblick in meine kleine neue Heimat, mit all ihren Besonderheiten, möchte ich nun noch einen Blick auf meine Arbeit werfen. Denn das Narrativ meines bisherigen Aufenthalts bestand vor allem darin, zwischen den Abenteuern des Alltags eine Routine zu entwickeln, die sich früher oder später als notwendig erwies. So legte sich nach und nach der Trubel der anfänglichen Eindrücke und meine Wochen routinieren sich langsam.
Eine typische Arbeitswoche beginnt mit einem “weekly meeting” am Montag, während dem die letzte Woche, potenzielle Schwierigkeiten und anstehende Aufgaben mit dem ganzen DRONI Team besprochen wird. Diese wöchentliche Reflektion sorgt für ein angenehmes und offenes Arbeitsumfeld, in dem individuelle Stärken und Schwächen integriert werden.
Nachdem ich Mitte September vom ganzen DRONI Team herzlich aufgenommen wurde und zunächst die Strukturen und Aufgaben der NGO kennengelernt habe, begann meine Arbeit an Workshops für Jugendliche vor Ort. Besonders begeistert mich die Arbeit in einem Jugendzentrum, etwas außerhalb von Tbilisi, in dem ich einmal wöchentlich Deutsch und Englisch mit informellen Unterrichtsmethoden anbiete. Die Stunden im Jugendzentrum halten mir immer wieder vor Augen, wofür sich die Arbeit hier lohnt. Doch auch von der Möglichkeit, Projekte schreiben und durchführen zu lernen, fühle ich mich persönlich sehr bereichert.
Zusammenfassend fühle ich mich mittlerweile in allen Aspekten meines alltäglichen Lebens vollkommen wohl und freue mich nun darauf, weiterhin von all dem, was dieses Land noch bietet, überrascht und bereichert zu werden.
Valentine verbringt ihren Freiwilligendienst bei DRONI, ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.
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