Als ich Anfang September meinen Koffer packte und mich auf den Weg nach Lettland machte, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Busfahrt von Riga nach Balvi: endlose Wälder, Nebel über den Feldern, kleine Dörfer, die an mir vorbeizogen. Ich saß am Fenster, aufgeregt und etwas nervös und dachte mir: “Was hast du dir da bloß vorgenommen?” Heute, zwei Monate später, kann ich sagen: Es war genau die richtige Entscheidung.
Ankommen ohne Erwartungen
Ich kam ohne große Erwartungen hierher. Balvi ist eine Kleinstadt, viel kleiner als mein Heimatort in Deutschland. Anfangs wirkte alles sehr ruhig, beinahe zu ruhig. Doch gerade das hat mich überrascht: wie schnell mir diese Ruhe gefallen hat. Die Straßen kennen zu lernen, bekannte Gesichter zu sehen und sich in kürzester Zeit heimisch zu fühlen – das war etwas, das ich so nicht kannte.
In Balvi fühlt sich vieles persönlicher an. Wenn man einkaufen geht und dieselben Menschen sieht, wenn man angesprochen wird, weil man „das neue Mädchen aus Deutschland“ ist, wenn man merkt, dass einen die Leute wiedererkennen – dann entsteht schnell ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Meine Arbeit bei Kalmārs
Ich arbeite mit der NGO Kalmārs, und schon am ersten Tag wurde ich unglaublich herzlich empfangen. Die Menschen dort sind aufmerksam, hilfsbereit und offen. Sie interessieren sich ehrlich dafür, wie es mir geht, und sie haben mir den Start im neuen Land so leicht wie möglich gemacht.
Was mir besonders gefällt, ist, dass sie auf Kleinigkeiten achten – meine Fragen, meine Bedürfnisse, meine Ideen. Ich werde ernst genommen und gleichzeitig liebevoll unterstützt.
Meine Aufgaben sind vielfältig und genau das, was ich mir gewünscht habe: Workshops planen, Schulen besuchen, kleine Aktivitäten vorbereiten, Kinder im Kindergarten beim Spielen oder Basteln begleiten – kreative, soziale Arbeit, die sinnvoll ist und sich richtig anfühlt.
Wenn ich am Ende eines Tages merke, dass ein Kind etwas Neues gelernt hat oder einfach Spaß hatte, freue ich mich mit. Dieses direkte Feedback ist etwas, das ich vorher nicht kannte, und es motiviert mich sehr.
Mein Alltag in Balvi
Schon nach wenigen Wochen entstand ein Rhythmus, der sich sehr gut anfühlt. Ein Highlight ist auf jeden Fall die lettische Volkstanzgruppe, der ich beigetreten bin. Zweimal wöchentlich tanzen wir traditionelle Choreografien — und obwohl ich am Anfang absolut keine Ahnung hatte, wurde ich sofort aufgenommen.
Es ist ein tolles Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, die etwas so Traditionelles und Kulturelles miteinander teilt. Durch das Tanzen lerne ich nicht nur Schritte, sondern auch ganz viel über Lettland.
Außerdem gehe ich seit Kurzem ins Fitnessstudio, was mir hilft, mich körperlich gut zu fühlen und einen Ausgleich zu haben. Auch zuhause im Wohnheim habe ich einen kleinen Alltag entwickelt: kochen, gemeinsam backen, viel lesen, stricken und basteln. Manche Hobbys, wie das Häkeln, habe ich direkt aus Deutschland mitgebracht, andere haben sich erst hier entwickelt.
Herausforderungen und persönliches Wachstum
Natürlich ist nicht alles einfach. In einem neuen Land zu leben, mit einer anderen Sprache, anderen Gewohnheiten und manchmal ungewohnten sozialen Situationen, kann herausfordernd sein. Besonders anfangs hatte ich Momente, in denen ich mich etwas verloren oder unsicher fühlte.
Aber genau diese Herausforderungen sind es, die mich wachsen lassen. Ich merke, wie ich unabhängiger werde. Wie ich Entscheidungen alleine treffe. Wie ich mutiger werde, auf Menschen zuzugehen. Wie ich mehr auf mich selbst vertraue.
Ich fühle mich jetzt, nach zwei Monaten, viel stärker als zu Beginn – irgendwie stabiler und selbstbewusster.
Beste Erinnerung (bisher)
Meine liebsten Erinnerungen bisher sind eindeutig die Freitagabende im Youth Center. Jeden Freitag treffen wir uns dort mit den Jugendlichen aus Balvi, machen Workshops, spielen Spiele, hören Musik oder verbringen einfach gemeinsam eine entspannte Zeit. Diese Abende haben immer eine besonders warme und lebendige Stimmung.
Sie geben mir das Gefühl, wirklich Teil der Community zu sein. Wir lachen viel, tauschen uns aus und lassen die Woche gemeinsam ausklingen – jedes Mal anders, aber jedes Mal schön. Genau diese regelmäßigen Treffen machen meinen Freiwilligendienst für mich so besonders.
Was ich bereits gelernt habe
In den ersten zwei Monaten habe ich schon viel gelernt:
Man braucht weniger Mut als gedacht – aber mehr Geduld. Vieles ergibt sich von selbst, wenn man sich Zeit gibt.
Andere Kulturen zu erleben bedeutet, sich selbst besser kennenzulernen.
Arbeit mit Kindern ist herausfordernd, aber unglaublich erfüllend.
Was mir besonders gut gefällt – und was weniger
Am besten gefällt mir, wie herzlich und persönlich alles hier ist. Die Umgebung, die Menschen, die Arbeit – alles hat eine bestimmte Wärme, die mich überrascht hat.
Was mir etwas weniger gefällt, ist die Dunkelheit im Herbst. Die Tage werden schnell kürzer, und manchmal fühlt es sich an, als würde der Abend schon am Nachmittag beginnen. Aber auch das gehört dazu und ich lerne, meinen Tag anders zu strukturieren.
Wie dieser Freiwilligendienst mich verändert
Ich glaube, diese Erfahrung wird mich langfristig prägen. Ich lerne, aus meiner Komfortzone zu treten, Verantwortung zu übernehmen, soziale Kompetenzen aufzubauen und mich in einer komplett neuen Umgebung zurechtzufinden.
Für meine Zukunft bedeutet das, dass ich offener, mutiger und flexibler sein werde – und vielleicht auch klarer weiß, welche Art von Arbeit und Umgebung mir wichtig ist.
Würde ich den Freiwilligendienst weiterempfehlen?
Definitiv ja. Ich würde sowohl die Organisation Kalmārs als auch den Freiwilligendienst allgemein weiterempfehlen. Besonders Menschen, die eine persönliche, herzliche Umgebung mögen und gerne kreativ und sozial arbeiten, würden hier gut aufgehoben sein.
Fazit
Nach zwei Monaten kann ich sagen: Ich fühle mich in Balvi zuhause. Ich habe eine Routine, Menschen, die mir wichtig geworden sind, Aufgaben, die mich erfüllen, und Alltagssituationen, die vertraut geworden sind.
Ich hätte nie gedacht, dass eine so kleine Stadt mir so viel geben kann.
Ece-Naz verbringt ihren Freiwilligendienst bei NGO Kalmars , ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.
Wenn du etwas Ähnliches wie Ece-Naz erleben möchtest, schau dir unsere Calls hier an.






