Fünf Monate in Lettland – Alles zwischen Winter und Alltag und Ankommen
An einem Morgen im Januar zeigte mein Handy –28 Grad an. Draußen war es still. Kein Verkehr, kaum Geräusche, nur Kälte und Dunkelheit. Obwohl es eigentlich schon Tag sein sollte, fühlte es sich noch tief nach Nacht an. Ich zog mir mehrere Schichten an, stand kurz im Flur und dachte: Okay. Das ist jetzt mein Alltag. Nicht als Schock, eher als Feststellung. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich wirklich hier bin.
Seit fünf Monaten lebe ich in Lettland. Einen großen Teil dieser Zeit habe ich im Winter verbracht. Rückblickend war genau das entscheidend, um hier wirklich anzukommen. Der Winter hat wenig Raum für Ablenkung gelassen. Man ist viel mit sich selbst, mit seinem Alltag, mit seinen Gedanken. Das war nicht immer leicht, aber sehr prägend.
Der Winter und was er mit mir gemacht hat
Der Winter hier ist mehr als nur kalt. Er ist lang, dunkel und präsent. Die Tage sind kurz, das Licht fehlt, und vieles spielt sich drinnen ab. Viele Morgen beginnen im Dunkeln, viele Abende enden im Dunkeln. Das beeinflusst die Stimmung mehr, als ich es vorher erwartet hätte.
Gerade am Anfang war das herausfordernd. Heimweh kam öfter hoch, kleine Dinge fühlten sich schneller schwer an. Gleichzeitig hat mich diese Zeit gezwungen, meinen Alltag bewusster zu gestalten. Ich musste lernen, gut mit mir selbst umzugehen, mir Routinen zu schaffen und auch ruhig zu bleiben, wenn sich Dinge nicht sofort leicht anfühlten.
Mit der Zeit wurde vieles normal. Wege, Abläufe, Gesichter. Dinge, die mir anfangs fremd vorkamen, fühlen sich heute selbstverständlich an.
Arbeit, Verantwortung und Wachsen
In meiner Arbeit habe ich mich in den letzten Monaten stark weiterentwickelt. Workshops planen, Schulen besuchen, Programme vorbereiten und mit Jugendlichen arbeiten gehört inzwischen fest zu meinem Alltag. Am Anfang war vieles neu, manchmal auch überfordernd. Heute gehe ich strukturierter und selbstsicherer an Aufgaben heran.
Ich merke, dass mir Verantwortung leichter fällt. Ich traue mir mehr zu und habe weniger Angst, Fehler zu machen. Gerade in der Jugendarbeit habe ich gelernt, flexibel zu sein und auf Situationen spontan zu reagieren.
Die Freitagabende im Youth Center sind zu einem festen Bestandteil meines Lebens hier geworden. Wir verbringen Zeit mit Jugendlichen aus Balvi, reden, lachen, spielen oder sitzen einfach zusammen. Diese Abende sind nichts Besonderes im klassischen Sinne – aber sie geben Struktur, Nähe und Verlässlichkeit. Genau das macht sie so wichtig.
Mid-Term Training – innehalten und einordnen
Das Mid-Term Training war ein Moment, um kurz stehen zu bleiben. Raus aus dem Alltag, rein in die Reflexion. In den Gesprächen und Reflexionsphasen wurde mir bewusst, wie viel sich verändert hat, ohne dass ich es im Alltag immer gemerkt habe.
Es war gut, nicht alles bewerten zu müssen, sondern einfach wahrzunehmen: Hier stehe ich gerade. Das hat mir Ruhe gegeben und mir geholfen, meine Erfahrungen bewusster einzuordnen.
Traditionen, Feste und besondere Eindrücke
Ein sehr prägendes Erlebnis war Zetoni, die Abifeier beziehungsweise Symbolfeier. Diese Feier mitzuerleben war beeindruckend. Man konnte deutlich spüren, wie wichtig Traditionen und Feste für die Menschen hier sind. Es ging nicht nur um einen Abschluss, sondern um einen Übergang, der gemeinsam gefeiert wird.
Auch die Youth Awards waren ein besonderes Ereignis. Zu sehen, wie junges Engagement anerkannt und wertgeschätzt wird, war motivierend. Es hat mir gezeigt, wie ernst Jugendarbeit hier genommen wird und wie viel Bedeutung freiwilliges Engagement haben kann.
Menschen, Freundschaften und Nähe
Über die Monate habe ich Freundschaften aufgebaut. Man kennt sich, schreibt sich, trifft sich spontan. Es sind keine großen Gesten, sondern viele kleine Begegnungen, die ein Gefühl von Vertrautheit schaffen.
Gerade im Winter wurde mir bewusst, wie wichtig soziale Nähe ist. Gespräche, gemeinsames Kochen, Zeit miteinander verbringen. Das hat mir geholfen, auch an dunklen Tagen stabil zu bleiben und mich nicht zu verlieren.
Was sich in mir verändert hat
In diesen fünf Monaten habe ich viel über mich selbst gelernt. Ich bin eigenständiger geworden und brauche weniger Bestätigung von außen. Ich höre stärker auf meine eigenen Bedürfnisse und lasse meine Stimmung nicht mehr so stark von anderen beeinflussen.
Ich setze klarere Grenzen, kommuniziere direkter und stehe mehr für mich ein. Dass ich diese Entwicklung mit 19 mache, fühlt sich manchmal überraschend an – aber auch sehr wertvoll.
Der Blick nach vorne
Langsam wird mir bewusst, dass dieses Projekt nicht ewig dauert. Auch wenn noch Zeit bleibt, merke ich, dass ich viele Momente bewusster wahrnehme. Der Alltag fühlt sich intensiver an, ohne dass er größer oder lauter wird.
Fazit
Nach fünf Monaten in Balvi fühlt sich mein Leben hier vertraut an. Nicht alles war leicht, aber genau dadurch habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen, selbstständig zu handeln und mir Schritt für Schritt ein Leben an einem neuen Ort aufzubauen.
Diese Zeit hat mich ruhiger, reflektierter und selbstsicherer gemacht. Und auch wenn der Winter lang war – er hat mir geholfen, wirklich anzukommen.
Ece-Naz verbringt ihren Freiwilligendienst bei NGO Kalmars. Ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.
Wenn du etwas Ähnliches wie Ece-Naz erleben möchtest, schau dir unsere Calls hier an.






