Viereinhalb Monate können sich gleichzeitig kurz und unglaublich lang anfühlen.
Kurz, weil die Zeit wie im Flug vergeht. Lang, weil in dieser Zeit so viele neue Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse Platz gefunden haben. Besonders seit meinem letzten Bericht ist noch einmal einiges passiert.
Auf der Arbeit gab es zur Weihnachtszeit eine kleine Feier, bei der alle Mitarbeitenden zusammenkamen, selbstgemachte Paella gegessen und gewichtelt haben. Doch Weihnachten ließ sich auch außerhalb der Arbeit in vielerlei Form erleben, da farbenfrohe Lichterketten, monumentale Krippenlandschaften und zahlreiche Weihnachtsmärkte überall präsent waren. Traditionen wie der Tió de Nadal oder die Cabalgata de los Reyes durften natürlich auch nicht fehlen.
Der Tió de Nadal ist ein vor allem bei Kindern beliebter Weihnachtsbrauch. Dabei handelt es sich um einen Baumstamm, der ein lustiges Gesicht und eine rote Barretina, eine traditionell katalanische Mütze, trägt. Rund um den 8. Dezember wird der Tió ins Haus geholt und bis Weihnachten von den Kindern symbolisch gefüttert. Am 25. Dezember schlagen die Kinder mit Stöcken auf ihn ein und singen dabei das typische Lied „Caga Tió“. Der Tradition nach „kotet“ der Tió die, unter einem Tuch verdeckten, kleinen Geschenke und Süßigkeiten aus. Unartige Kinder bekommen gelegentlich anstelle von Geschenken ein Stück Kohle.
Auch der Umzug der Heiligen Drei Könige, die Cabalgata de los Reyes, ist hier ein wichtiges Ereignis. Anders als in Deutschland werden die großen Geschenke nämlich erst am 6. Januar verteilt. Weihnachten selbst ist daher oft ruhiger und familiärer.
Zudem habe ich mir zur Weihnachtszeit vor allem Barcelona nicht entgehen lassen. Ich habe dort eine Handvoll Weihnachtsmärkte angeschaut, die gefüllt waren mit Handwerkskunst, regionalen Spezialitäten und katalanischen Besonderheiten wie Caganer-Figürchen oder „Plastik-Galets“. Der Caganer stellt traditionell eine hockende Person mit heruntergelassener Hose dar, der gerade sein „Geschäft verrichtet“. Ursprünglich steht er symbolisch für Fruchtbarkeit, Glück und Wohlstand und ist klassischer Bestandteil von Krippenszenen. Die mittlerweile zu beliebter Touristen-Accessoire und Sammelstück gewordene Figur ist auch in modernen und satirischen Varianten erhältlich. Die „Plastik-Galets“ sind eine Anspielung an die große Nudelsorte namens Galets, die in der Weihnachtssuppe „Escudella i carn d’olla“ serviert werden.
Außerdem habe ich noch „Els Llums de Sant Pau“ besucht, ein Lichterspektakel in einem UNESCO-Weltkulturerbe. Bei einem nächtlichen Rundgang durch das historische Gelände des Hospital de Sant Pau wurde die Weihnachtsstimmung nochmal richtig angekurbelt. Ich glaube, es wird ersichtlich, dass die Weihnachtszeit hier ein beeindruckendes Erlebnis für mich gewesen ist.
Auf der Arbeit ist Neues eingekehrt und Altes abgeschlossen worden. So konnten wir beispielsweise die Kürbissamenextraktion erfolgreich beenden, während regelmäßig wiederkehrende Aufgaben weiterhin meinen Alltag prägen. Unter anderem durfte ich mein erstes, eigenes Blackboard-Projekt starten. Unsere ersten Themen behandelten grundlegende Pflanzenarten sowie Epiphyten mit Fokus auf Trichome. Trichome sind übrigens mikroskopische Zellstrukturen, die sich auf bestimmten Pflanzenoberflächen befinden und je nach Art unterschiedliche Funktionen erfüllen können, etwa Schutz, Wasseraufnahme oder Verdunstungsregulation.
Aktuell arbeite ich zwei Tage im Garten und drei Tage im Büro. Der Wechsel hängt unter anderem mit einem erhöhten Arbeitsaufwand im Büro zusammen, aber auch mit unserem eigenen Interesse. Der Arbeitsbereich rund um Vögel gefällt mir aber immer noch am meisten. Leider gab es auch weniger schöne Ereignisse, denn starke Winde und Unwetter trafen die Küstenregion. Während meiner Reise durch Andalusien hatte ich die Auswirkungen starker Regenfälle zu spüren bekommen, im Garten hingegen haben starke Böen Bäume umgeworfen und Pflanzen beschädigt. Zunächst standen daher erstmal Aufräumarbeiten an, größere langfristige Folgen gab es jedoch nicht.
Vor kurzem hatte ich außerdem die Gelegenheit, meine ersten Calçots zu probieren. Dabei handelt es sich um eine Art junger Zwiebeln, die über offenem Feuer geröstet und traditionell mit Romesco-Sauce gegessen werden. Die richtige Technik, sie ohne Kleckern zu essen, muss ich allerdings noch herausfinden. Da die Calçotada-Saison gerade noch in vollem Gange ist, werde ich dafür sicherlich noch genug Übung bekommen.
Für mich waren die vergangenen zwei Monate also erneut voller Eindrücke. Viele weitere Erlebnisse hätten ebenfalls ihren Platz verdient, etwa der Karneval in Katalonien, meine Reise durch Andalusien und nach Gibraltar oder mein Ankunftsseminar. Nichtsdestotrotz kann ich sagen, dass ich wieder wirklich viel lernen durfte. Ich habe nicht nur ein umfangreicheres Wissen der katalanischen Kultur und Geschichte mir angeeignet, sondern auch ein tiefgründigeres Verständnis für die Menschen, ihre Perspektiven und ihre Sitten entwickelt. Gerade Integration, Offenheit und gegenseitige Unterstützung sind dabei wichtige Faktoren.
Schlussendlich bleibt mir nur zu sagen, dass ich sehr dankbar bin, diese Erfahrungen machen zu dürfen und so viele Möglichkeiten eröffnet zu bekommen. Ein großes Dankeschön gilt dem ESK sowie allen beteiligten Organisationen, die sich für diesen Freiwilligendienst einsetzen und ihn ermöglichen.
Sonja verbringt ihren Freiwilligendienst bei Marimurtra Botanical Garden, ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.
Wenn du etwas Ähnliches wie Sonja erleben möchtest, schau dir unsere Calls hier an.





