Letztens stand ich abends am Hafen von Thessaloniki, der Himmel war orange-rosa gefärbt und irgendwo hinter den Wolken konnte man den Olymp erahnen. Um mich herum waren viele Menschen, Gelächter, Musik und ich dachte plötzlich, dass ich vor zwei Monaten das alles noch gar nicht kannte. Dieses Gefühl, gleichzeitig weit weg von zu Hause und trotzdem irgendwie nicht wegzuwollen, begleitet mich hier ständig. Einerseits habe ich manchmal Heimweh, aber trotzdem würde ich dieses Erlebnis für nichts aufgeben wollen.
Als ich Ende Oktober angekommen bin, war ehrlich gesagt alles ziemlich überwältigend. Eine neue Stadt, ein neues Land, eine neue Sprache und fremde Menschen in einem Haus und meine Familie und Freund*innen plötzlich so weit weg. Die ersten Wochen waren emotional echt nicht leicht. Ich habe gemerkt, wie sehr mir mein gewohntes Umfeld gefehlt hat und manchmal habe ich mich gefragt, ob ich diese Entscheidung wirklich durchziehen kann. Aber genau das ist das wichtige an so einem Freiwilligendienst, dass man nicht einfach nach ein paar Tagen wieder aussteigt. Man bleibt und mit der Zeit wird es leichter und aus Fremdheit langsam Vertrautheit.
Thessaloniki selbst hat mir dabei sehr geholfen. Es ist eine große, lebendige Stadt, aber gleichzeitig gibt es ein paar Orte, an denen man zur Ruhe kommen kann. Wenn ich einen Rückzugsort brauche, gehe ich am liebsten hoch in die Altstadt. Dort spaziere ich entlang der alten Stadtmauer, streichle ein paar Katzen und genieße den Blick über die Dächer bis hinunter zum Meer. Es ist ruhig, fast meditativ und fühlt sich an wie eine angenehme Pause vom Lärm der Stadt.
Der Hafen ist ebenfalls so ein Ort für mich, wo ich gerne nachdenke. Auch wenn es dort selten wirklich leise ist, hat das Meer etwas unglaublich Beruhigendes. Vor allem bei Sonnenuntergängen, wenn alles in schön warmes Licht getaucht ist.
In den letzten zwei Monaten haben wir mit den anderen Freiwilligen unglaublich viel unternommen. Wir waren an verschiedenen Orten und Landschaften unterwegs und jedes Mal hatte ich das Gefühl, eine neue Seite von Griechenland kennenzulernen. Mein absolutes Highlight waren die Meteora-Klöster. Diese riesigen Felsen, auf denen die Klöster gebaut wurden, sehen aus wie aus einem Märchenfilm. Den Moment dort zu stehen, umgeben von Natur und den wunderschönen Ausblick zu genießen, werde ich so schnell nicht vergessen.
Ein anderes besonderes Erlebnis war unser Ausflug zur Kalochori-Lagune. Es war Nachmittag, die Sonne war am Untergehen und wir standen mitten in der Natur, wo wir Flamingos im Wasser sehen konnten. Sie waren etwas entfernt, aber trotzdem klar zu erkennen.
Neben dem Reisen war aber natürlich auch viel im Alltag los. Unser Haus mit über 20 Freiwilligen ist zu einer kleinen Familie geworden. Wir kochen zusammen, reden bis spät in die Nacht, feiern Geburtstage und lachen unglaublich viel. Vorher hätte ich nie gedacht, dass so viele unterschiedliche Menschen aus so vielen Ländern so eng zusammenwachsen können. Aber genau das ist passiert. Ich habe in kurzer Zeit sehr tiefe Freundschaften geschlossen, was mich selbst überrascht hat.
Ein besonders schöner Abend war unser gemeinsames Christmas- und Abschieds-Dinner. Jede*r hat etwas aus dem eigenen Land gekocht und der Tisch war voll mit verschiedensten Gerichten. Danach haben wir gewichtelt und die Geschenke waren so persönlich und liebevoll ausgewählt, wie ich es noch nie beim Wichteln erlebt habe. In solchen Momenten habe ich gemerkt, wie besonders unsere kleine Familie ist.
Es gab auch ein paar persönliche Veränderungen. Zum Beispiel habe ich mir die Haare kurz geschnitten und habe jetzt einen Pixie-Cut. Am Anfang war das total ungewohnt, aber mittlerweile finde ich es echt cool. Irgendwie passt es zu dieser Zeit hier, man probiert Dinge aus und ist mutig.
Auch das kulturelle Leben kommt hier nicht zu kurz. Anfang November war das Thessaloniki International Film Festival. Im Hafentheater habe ich einen sehr berührenden spanischen Film gesehen und danach konnten wir sogar mit dem Regisseur sprechen. Außerdem ist das Nachtleben auch ziemlich wild. Es gibt viele Bars, poppige Clubs und lange Nächte mit ganz viel Spaß.
Ende November hat mich mein Freund besucht und wir sind gemeinsam auf die Insel Thasos gefahren. Dort war es ruhiger, grüner und fast entschleunigend. Es war schön, diesen Teil meines Lebens hier mit jemandem von zu Hause zu teilen.
Jetzt kurz vor Weihnachten bin ich in einer seltsamen Zwischenphase. Ich freue mich sehr darauf, nach Deutschland zu fliegen, meine Familie zu sehen und ein paar vertraute Dinge wiederzuhaben. Gleichzeitig weiß ich, dass viele Short-term Volunteers bald ganz nach Hause gehen werden und der Abschied tut jetzt schon weh. Aber ich bin auch froh, dass ich nach den Feiertagen zurück nach Thessaloniki komme und noch ein paar Monate hier habe.
Wenn ich an mich vor zwei Monaten denke, war ich total unsicher, herzukommen und alles zurückzulassen, was ich von zuhause kenne. Aber mittlerweile fühle ich mich viel verbundener mit der Stadt, aber vor allem mit den Menschen. Für zukünftige Freiwillige kann ich nur sagen, dass es nicht immer leicht ist, aber ich glaube, genau darin liegt der Wert. Man wächst, man lernt unglaublich viel über andere und über sich selbst. Und manchmal steht man einfach am Hafen, schaut aufs Meer und man muss sich daran erinnern, dass das hier die richtige Entscheidung war.
Leonie verbringt ihren Freiwilligendienst bei United Societies of Balkans (USB), ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.
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