Sveiki! (So sagt man in Lettland informell Hallo.) Jetzt bin ich schon seit über zwei Monaten in Lettland und eigentlich kann ich zumindest Menschen angemessen begrüßen (sogar mit fünf verschiedenen Ausdrücken!) und trotzdem sage ich natürlich wie eine richtige Deutsche „Hallo!“ als ich unseren Folkstanzlehrer im Supermarkt treffe. 😊 Aber er antwortet trotzdem mit einem Lächeln im Gesicht und „Hi!“.
Uns wurde gesagt, dass lettische Menschen teils recht verschlossen und kühl sind. Aber um ehrlich zu sein, habe ich einen ganz anderen Eindruck von ihnen bekommen. Natürlich sind nicht alle super extrovertiert und die Jugendlichen verständlicherweise am Anfang etwas zurückhaltend, aber im Großen und Ganzen haben wir wirklich viele offene, freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen.
Schon nach kurzer Zeit hatten wir zum Beispiel mit einigen Jugendlichen hier aus Balvi (dem Ort, in dem wir wohnen) Freundschaften geschlossen, weil diese uns so aufgeschlossen begegnet sind und ganz selbstverständlich mit uns Englisch gesprochen haben. Auch unsere -zugegebenermaßen nicht so glänzenden- Tanzfähigkeiten haben sie ausgehalten und uns immer noch geholfen haben, nachdem wir die gleiche Stelle zum dritten Mal wiederholt haben, weil nur wir es nicht verstanden haben und unser Tanzlehrer alles von seinem begrenzten Englischwissen rausholt, nur um es uns zu erklären. Wenn das nicht nach einem freundlichen, musikliebenden und offenen Volk klingt.
Neben den tollen Menschen, die wir kennenlernen durften -von denen ich später unbedingt noch mehr berichten muss-, mag ich auch unsere Arbeit sehr. Aber bevor ich davon berichte, sollte ich vielleicht erstmal klären, wer „wir“ sind.
Wir, das sind Ece, Julien, Nika und ich. Wir vier machen zusammen hier einen Freiwilligendienst über das Europäische Solidaritätskorps. Ece und Julien kommen auch aus Deutschland und Nika aus Georgien. Wir arbeiten, wohnen, kochen, essen und verbringen teilweise unsere Freizeit zusammen. Und wir verstehen uns mega gut. 😊 Auch wenn wir in manchen Aspekten sehr unterschiedlich sind. Wir sind ein wirklich gutes Team und ich bin echt dankbar für diese wundervollen Menschen an meiner Seite! <3
Nun aber zu unserer Arbeit: Wir arbeiten in den Jugendzentren in Balvi, Viļaka und Rugaji und in einem Kindergarten in Rugaji. Das sind alles kleine Städte bzw. Orte hier in der Nähe. Sie gehören alle zu dem Bezirk Balvi, der nordöstlich in Lettland liegt und an Russland grenzt.
Und ja, das bedeutet, dass wir relativ nah an der Grenze wohnen. Von Viļaka bräuchte man zu Fuß so 2 Stunden zur Lettisch-Russischen Grenze. Ich würde nicht sagen, dass das in unserem täglichen Leben sehr präsent ist, aber es ist trotzdem kein so angenehmer Gedanke. Die Menschen hier leben aber dennoch weiter ihr normales Leben, da hier ihre Heimat ist und wir alle hoffen, dass Russland nicht so schnell NATO- und EU-Länder wie Lettland angreift.
Zurück zu der Arbeit: Wir bereiten vor allem Aktivitäten vor, für die Jugendlichen am Nachmittag und für die 5- und 6-Jährigen im Kindergarten, obwohl man das in Deutschland wohl eher als Vorschule bezeichnen würde, da die Kinder schon Buchstaben und Zahlen und Allgemeinwissen über die Natur lernen.
Als Workshops für die Jugendlichen hatten wir zum Beispiel schon Abende über deutsche und georgische Kultur, Kekse backen, Brettspiele, Kartoffelpuffer selber machen oder Weihnachtsgeschenke für Menschen im Altersheim basteln. Ich glaube, wir lernen sowohl während des Planens, als auch während der Aktivitäten Einiges über Jugendarbeit.
Und wir lernen, es zu schätzen, wenn überhaupt Jugendlichen in die Jugendzentren kommen. Wir hatten schon drei Aktivitäten, zu denen kaum jemand oder sogar keine Person kam. So haben wir dann eben das eine Mal Karaoke gesungen mit den wenigen Leuten, die da waren, das andere Mal UNO und Pantomime mit einem Mädchen gespielt oder eben einfach alleine die Geschenke gebastelt. Es war deswegen eigentlich nicht mal wirklich schlechter. Und wir haben etwas darüber gelernt, wie wichtig es ist, Projekte gut anzukündigen und wie das besser gelingen kann.
Zu unserer Arbeit gehören aber neben uns und den Jugendlichen und Kindern natürlich auch unsere Kolleginnen. Und die sind wirklich wundervoll. Sie helfen uns wo sie können, sind immer freundlich und offen und geben uns sowohl Raum für eigene Ideen als auch Rat, gönnen uns auch mal eine entspannte Zeit und geben uns das Gefühl, wichtige, geschätzte und willkommene Kolleginnen und fast schon Freundinnen zu sein. Und auch unsere Koordinatorin ist wirklich unglaublich liebevoll, unterstützend und fürsorglich. <3
Neben der Arbeit gehen wir vier Freiwilligen zweimal in der Woche zum lettischen Volkstanz. Das ist jedes Mal herausfordernd, aber echt schön. Wie ich schon erwähnt hatte, sind wir alle nicht die größten Volkstanz-Genies, aber die anderen Jugendlichen, die alle ungefähr in unserem Alter und teilweise auch schon unsere Freund*innen sind, sind echt toll und hilfsbereit, genauso wie unser Tanzlehrer.
Außerdem gehen Julien und ich zum Chor. Und das ist wirklich super mega toll! Ich liebe es, im Chor zu singen und dieser Chor ist wirklich sehr gut. Die Lieder sind zwar alle auf Lettisch, aber wir geben unser Bestes. Und wenn der ganze Chor diese wunderschönen Lieder singt, klingt es wirklich magisch. 😊
Dann haben wir noch zweimal die Woche online Lettisch-Unterricht, was auch sehr cool, aber teilweise nur so semi produktiv ist, da wir eventuell nicht ganz so viel zwischendurch dafür lernen. 😉
Mit unserer Unterkunft bin ich sehr zufrieden. Das Internat, in dem wir leben und dass wir nur liebevoll das „dorm“ nennen, hat eine angenehme Größe, eine große Gemeinschaftsküche, gute Duschen, Waschmaschinen und eigentlich Alles, was man so braucht. Mein Zimmer ist eher klein, aber sehr gemütlich -vor allem jetzt mit zwei Lichterketten- und ich fühle mich sehr wohl.
Nichtsdestotrotz vermisse ich mein Zuhause und alle meine geliebten Menschen in Deutschland. Ich habe gelernt, wie wichtig meine Familie und meine Freund*innen für mich sind.
Alles in Allem kann ich sagen, dass ich mich schon sehr gut eingelebt habe, tolle Erfahrungen gesammelt, wundervolle Menschen kennengelernt, Vieles über das Leben, Kommunikation, Jugendarbeit, andere Menschen und mich Selbst gelernt und richtig tolle Freund*innen gefunden habe.
Ich bin sehr froh und dankbar, in dieses Projekt und in dieses Land voller warmherziger Menschen gekommen zu sein.
Miriam
Julien verbringt ihren Freiwilligendienst bei NGO Kalmars , ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.
Wenn du etwas Ähnliches wie Julien erleben möchtest, schau dir unsere Calls hier an.




