Albert in Tiflis, Georgien// 1. Bericht

Nach vierundzwanzig Tagen und über viertausend Kilometer Reise stieg ich nachts irgendwo in einer ruhigen Wohngegend von Tiflis aus dem Taxi und mein neuer italienischer Mitbewohner kam mir entgegen, um mit mir in einem der großen Plattenbauten zu verschwinden, in dem ich von nun an wohnen sollte. In der schönen geräumigen Wohnung begrüßte mich auch meine deutsche Mitbewohnerin und in einem der Zimmer stellte ich meinen Koffer ab, fiel ins Bett und schlief ein. Ich hatte die Strecke von Hamburg nach Tiflis ausschließlich mit der Bahn oder mit dem Bus überquert und war so durch acht verschiedene Länder gereist und hatte die unterschiedlichsten Erlebnisse durchgemacht. 

So war es nach drei Wochen auf Achse ein wenig ungewohnt für mich, am nächsten Morgen, einem Montag im September, nicht zum Bahnhof zu gehen, um von dort die nächste Etappe in Angriff zu nehmen, sondern gemeinsam mit meinen neuen Mitbewohnern mit der Metro zur Arbeit zu fahren. In einem anderen Plattenbau hat die Organisation DRONI, für die wir hier unseren Freiwilligendienst leisten, ein nettes Büro mit einem schönen Blick auf andere Plattenbauten und viel Grün. Den Fahrstuhl in den neunten Stock nehme ich heute nur noch selten. Meistens fehlen mir dafür sowieso die Fünf-Tetri-Münzen, die man in einen unscheinbaren Kasten einwerfen muss, um den Fahrstuhl zum Laufen zu bringen. Allerdings spielen gewisse Sicherheitsbedenken dabei auch eine kleine Rolle. Somit lautet mein tägliches Sportprogramm das Erklimmen von neuen Stockwerken, bevor ich vollkommen außer Atem bei uns im Büro ankomme. An jenem Montag lernte ich dort noch weitere Freiwillige aus Deutschland und Frankreich kennen. Und mit der Zeit folgten auch mehr und mehr georgische Kollegen.

Unsere Arbeit bei DRONI ist vielfältig, aber dreht sich vor allem um das Betreuen von Workshops, welche die lokalen Mitglieder unserer Jugendorganisation vorbereiten. Meist geht es dabei um Themen, die sich um demokratische Werte, Jugendarbeit und Kreativität drehen. Auch wir Freiwilligen können jederzeit einen solchen Workshop beisteuern. Außerdem geben wir einmal die Woche beispielsweise Englisch- und Deutschunterricht in einem Jugendzentrum in einem Vorort von Tiflis. Dabei fokussieren wir uns auf informelle didaktische Methoden. Einen kleinen Buchclub organisiere ich dort auch. Außerdem haben wir die Möglichkeit ein eigenes Erasmus+-Projekt zu planen und demnächst einen Antrag auf finanzielle Unterstützung einzureichen, damit es auch in die Tat umgesetzt werden kann. Die Lernkurve ist wirklich steil und es ist schön, nach kurzer Zeit schon so viel Verantwortung zu übernehmen. Auch die Georgischstunden zweimal pro Woche machen mir großen Spaß. Diese fremde Sprach zu lernen ist zwar ein langer und harter Weg, aber das schöne Alphabet entziffern zu können und die ein oder anderen Alltagsphrasen zu beherrschen, sind schon erfüllende Erfolgserlebnisse. Die Abwechslung zwischen Büroarbeit und Arbeit und mit Kindern und Jugendlichen gefällt mir extrem gut und macht den Alltag hier sehr spannend.

Nachdem ich hier in Tiflis nach all den Reisestrapazen angekommen war und mich direkt in die Arbeit gestürzt hatte, hat mein Körper einige Tage später schlappgemacht und mich mit einer Grippe ans Bett gefesselt. Kurz nachdem ich mich erholt habe, sind wir alle auch schon ans Schwarze Meer in einen kleinen Seeort namens Kobuleti gefahren, weil dort unser On-Arrival Training stattgefunden hat. Das war eine überraschend gute Erfahrung. Wir sind mit vielen anderen Freiwilligen aus den verschiedensten europäischen Ländern (mit einem auffällig großen Anteil an Deutschen), die zum Teil auch in Armenien und Aserbaidschan arbeiten, zusammengekommen und haben uns mit dem Sinn und Zweck unserer Arbeit und des ESK auseinandergesetzt. Abends gingen wir ans Meer, hörten Musik und machten Lagerfeuer am Strand. Ein wahres Highlight war natürlich die sogenannte Supra am letzten Abend – ein georgisches Festmahl mit Unmengen an gutem georgischen Essen und georgischem Wein. Da ich schon etwas länger die Schule abgeschlossen habe, rief diese Zeit unerwarteterweise schöne Erinnerungen and Jugendfreizeiten und Klassenfahrten hoch und ich habe mich so richtig unbeschwert gefühlt. Dank des Trainings sind bin ich mit meinen Mitfreiwilligen bei DRONI noch enger zusammengekommen, aber außerdem haben wir nun ein Netzwerk von Freunden in der ganzen Region, die uns schon den ein oder anderen Besuch geleistet haben und die wir auf alle Fälle auch besuchen möchten.

Nur eine Woche später ging es für mich auch schon wieder nach Kobuleti ans Meer, um an einem Erasmus+-Projekt teilzunehmen, das DRONI mitorganisiert hat. Weil meine Reiseroute nach Georgien auch ans Schwarze Meer geführt hatte, bevor ich in Tiflis gelandet bin, war ich nun schon zum dritten Mal in Adscharien, der Region, in der Kobuleti liegt. Ich hatte das Gefühl ein magischer Bann spüle mich hier immer wieder an. Aber tatsächlich war der Frühherbst ideal, um das Meer noch zu genießen und darin schwimmen zu gehen. Und Adscharien hat auf mich einen besonderen Reiz, weil es eine sehr ungewöhnliche Region mit subtropischem Klima und saftiger grüner Vegetation ist, die sich stark vom Rest des Landes abhebt.  Das Projekt war wieder eine tolle Erfahrung, die mich nun mit Menschen aus Ländern wie der Ukraine, Serbien, der Türkei, Armenien und Aserbaidschan zusammenbrachte. Diese Begegnungen haben in mir noch einmal den Sinn für meine Zeit hier und meine Arbeit für einen europäischen Austausch bekräftigt.

Wieder in Tiflis angekommen musste ich feststellen, dass ich nun einen ganzen Monat in Georgien verbracht hatte, ohne eigentlich so viel von der Stadt gesehen zu haben, da ich ständig weg gewesen war. Somit fing ich erst im November an, mich hier richtig einzuleben. Und ein Punkt wirkte auch schon ziemlich bald seine magische Anziehungskraft auf mich aus: das Nachtleben, und damit verbunden vor allem die queere und die Technoszene. Es ist für mich nach wie vor spannend zu sehen, wie lebendig und echt diese Seiten der Stadt sind, während genau diese freie Lebensart unter Bedrohung steht und auf den Straßen unermüdlich verteidigt wird. Während wir Freiwilligen uns von jeglichen Protesten fernhalten, um sowohl uns als auch unsere Organisation zu schützen, sehe ich also in den Nachrichten wie es dort zugeht, wie gewaltvoll es teilweise wird, wie die Proteste aber mittlerweile schrumpfen, weil das Momentum so langsam fehlt und vor allem weil immer mehr Menschen festgenommen werden und von den Straßen verschwinden. Nichtsdestotrotz ist die Stadt lebendiger und diverser als viele der Städte, in denen ich bis jetzt gelebt habe.

Trotz all dieser Aufregung habe ich hier eine gute Mitte gefunden und führe ein spannendes und abwechslungsreiches Leben mit vielen bereichernden Begegnungen und Eindrücken, die mich nachdenklich machen. Von der Stadt Tiflis und vom Land Georgien gibt es noch unfassbar viel zu entdecken und ich blicke mit viel Vorfreude auf die kommenden Monate meines Freiwilligendienstes.

Albert verbringt seinen Freiwilligendienst bei DRONI, ihr Projekt wird kofinanziert von der Europäischen Union.

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